Tokyo, Hakone & Fuji im Herbst zur Laubfärbung

- Prolog-

Tokyo stand erst für 2020 auf der Reiseliste. Schließlich haben wir uns irgendwann geeinigt alle zehn Jahre Tokyo zu besuchen und der letzte Besuch war 2010 . Als jedoch unsere Tochter nebst Schwiegersohn so begeistert von ihrer Hochzeitsreise auf den Inseln der Okinawa Präfektur zurückkamen, wurden wir praktisch angesteckt vom Japanfieber.

Sechs Tage Jahresurlaub sind ja auch noch irgendwie unterzubringen!
Ein Werbeangebot bei Facebook mit ANA nach Tokyo in der Premium Economy zu fliegen, war einfach zu verlockend. Und Rainer zu überzeugen nach Tokyo zu fliegen ist ein Kinderspiel.
Ach ja, und einen neuen Winter-Yukata brauchte ich auch wieder...

Doch wollte ich dieses Mal nicht nur in Tokyo bleiben. Acht Tage netto ist zwar nicht viel.
"Koyo", also die herbstliche Blätterfärbung zu beobachten wird mindesten genau so zelebriert wie Sakura. Diverse Websites geben Auskunft über den Stand der Blätterfärbung in den jeweiligen Regionen.
Auf alle Fälle sollte dieses Mal die Hakone Gegend bereist werden (2010 hatten wir grottenschlechtes Wetter und haben einen Tagesausflug nicht mal in Erwägung gezogen). Auch den Fuji aus der Nähe zu betrachten war mein Plan.
Die Minirundreise sollte unbedingt mit einem Mietauto durchgeführt werden. Und so buchte ich eine Nacht in Yokohama und zwei Nächte in Kawaguchiko. Die restliche Zeit sollte für Tokyo reserviert sein.
Letztendlich war meine Vorbereitung ziemlich liederlich. Irgendwie fühlen wir uns in Japan so heimisch, daß wir uns keine wesentlichen Gedanken gemacht haben.
Die einzige Vorbereitung: Rainer lernt auf die Schnelle 107 Katakana Zeichen und deren Kombinationen.

- Anreise -

Unser Flug startet 18 Uhr ab Berlin und geht nach München.
Die Maschine ist knackevoll und so sitzen Rainer und ich in verschieden Reihen hintereinander.
Wir sind gut gelaunt. Der Purser (ich nehme an es ist immer der Purser, der die Ansagen macht) scheint auch gut gelaunt zu sein. Oder aber er will erreichen, daß endlich mal alle zuhören. Ich gebe ja gern zu, daß ich zu denen gehöre, die weder hingucken noch zuhören.
Schließlich ist das hier mein 298. Flug.
Aber seine Ansagen sind anders. Locker und flockig oder doch übertrieben lustig?
Zitat:

"Bei einem plötzlichen Druckverlust in der Kabine fallen automatisch die Sauerstoffmasken runter. Hören sie auf zu schreien und ziehen Sie die Maske zu sich, setzen sie auf und danach versorgen sie die die sich so benehmen."
"Wie Sie sicher schon gemerkt haben sinken wir... aber kontrolliert."

Wie nicht anders zu erwarten, kommen wir später als geplant an. 25 Minuten müssen einfach mal zum umsteigen reichen.
Aber was soll's. Wir können ja froh sein, dass die LH sich nicht den heutigen Tag für ihren angesagten Streik ausgesucht hat.

Am Gate wo unsere ANA Maschine steht, beginnt gerade das Boarding.
Die meisten Mitarbeiter hier sind Japaner. Und dementsprechend sind die Ansagen erst in japanisch und dann in deutsch. Irgendwie fühlen wir uns schon wie in Japan.
Beim Boarden verbeugt sich das Personal, wie man das aus Japan kennt.

Mit ANA sind wir schon ewig nicht mehr geflogen.
Die Sitze in der Premium Economy sind etwas schmaler als die der Lufthansa.
Vor allem die Mittellehne ist viel kleiner und bietet weniger Abstellplatz.

Pünktlich 20 Uhr docken wir vom Terminal ab und nur Minuten später sind wir in der Luft.
Den Dreamliner, also die Boeing 787, den haben wir schon diesen Sommer auf den Flügen zwischen Bangkok und Perth lieben gelernt. Er ist sehr leise, die Fenster sind wesentlich größer. Außerdem gibt es hier kein Lid das man zum Schutz vor der Sonne runterziehen muß. Die Verdunklung erfolgt über Flüssigkristalle im Glas. So kann jeder den Abdunklungsgrad seines Fensters individuell und entsprechend regulieren.
Das Beste daran ist: wenn man rausschaut sieht man trotzdem die Landschaft und ist nicht verblendet.
Und noch etwas ist ganz speziell beim Dreamliner. Es ist das einzige Flugzeug auf der Welt, das die Atemluft über die am Rumpf angebrachte Düsen eingespeist bekommt. Das heißt also, es gibt keine Treibstoff Gerüche, keine ausgetrocknete Nase. Die Luft ist wesentlich verträglicher.

ANA MUC nach HND,sylwiabuch.de

Ansonsten ist der Flug eher unauffällig.
Es gibt keine Amenity-Bag. Eine Flugbegleiterin kommt vorbei und jeder nimmt sich, was er benötigt: Zahnbürste, Mundmaske, Ohrstöpsel, Haarbürste...
Auch gibt es keine Speisekarte.
Auf einem eingeschweißten Blatt sind die Gerichte abgebildet. So wählt jeder sein Gericht aus.
Hm. Wir sind erstaunt. Sollte Japan ökologisch geworden sein?
Nicht ganz. Denn während jede andere Fluggesellschaft heißfeuchte und wohltuende Tücher am Anfang des Fluges verteilt, gibt es bei ANA ein kaltes eingeschweißtes Desinfektionstüchlein.

Kurz vor dem Anflug auf Tokyo sehe ich in weiter Ferne einen Bergkegel aus der Wolkendecke luken.
Hallo Fujisan. Wir kommen!

ANA MUC nach HND,sylwiabuch.de
ANA MUC nach HND,sylwiabuch.de
ANA MUC nach HND,sylwiabuch.de
ANA MUC nach HND,sylwiabuch.de

Als wir diese Armada an Putzkolonne sehen, sind wir schon etwas überrascht, wie viele Menschen so ein kleines Flugzeug säubern.

ANA MUC nach HND,sylwiabuch.de

Die Immigration ist innerhalb von wenigen Minuten erledigt.
Keine Ahnung wie die es schaffen die Massen so schnell abzuarbeiten. Denn wir sind nicht der einzige Flieger der gerade gelandet ist.
Steht man doch in den USA meist mindestens 30 Minuten an. Manchmal auch mehr.

Unsere Koffer haben schon in Berlin ein Priority Anhänger bekommen. Das ist echt praktisch so kommen die auch zu allererst auf dem Band an.

Nun sind wir endlich da!

Monorail  HND - Hammatsucho,sylwiabuch.de

Während Rainer ein paar Tickets für die Monorail kauft, schaue ich mich nach Kartenmaterial um.

Mit der Monorail fahren wir nach Hammamatsucho.
Wir stehen genau hinter dem Fahrer und haben den unverstellten Blick in Fahrtrichtung.
Die Monorail ist die schnellste Verbindung zu unserem Ziel. Sie führt zwischen gigantischen Hochhäusern die manchmal gefühlte zwei Meter von der Bahn stehen, über Kanäle. Die Sonne ist schon fast untergegangen und die Werbelichter sind schon angegangen. Und alles sieht so aus, wie wir das noch in Erinnerung haben.

Monorail  HND - Hammatsucho,sylwiabuch.de

Vor der Reise haben wir uns überlegt, wie wir in unsere erste Bleibe kommen.
Eine ideale Verbindung nach Akasaka gibt es nicht. Man müßte nicht nur mehrfach umsteigen, sondern dann auch noch mit dem Gepäck laufen.
Um das Ganzen zu umgehen, haben wir uns für eine Taxifahrt direkt vor's Haus entschieden.
Der erste Taxifahrer gibt aber auf, obwohl wir ihm die Adresse in japanisch zeigen. Und so wechseln wir das Taxi. Der nächste Fahrer hat so gar kein Problem. Und eigentlich kennen wir weitestgehend den Weg nach Akasaka.
Wir wissen nur nicht genau, in welcher Straße sich die angemietete Wohnung befindet. In Japan haben die Straßen keine Namen. Nur die ganz großen. Und die tragen erst seit 1964 einen Namen. Damals hat man es eingeführt als die Welt zu Gast in Tokyo zur Olympiade war.

Es ist unser erstes Mal, daß wir eine Wohnung über AirBnB angemietet haben. Die Vermieterin hat uns allerlei Fotos zugeschickt, sowie Instruktionen wo wir die Wohnungsschlüssel vorfinden.
Ich erkenne den Hauseingang und bin auch froh, daß wir uns für die Fahrt entschieden haben. Denn wir zahlen für die bequeme Anreise 1450 Yen, das sind etwa 12.20 Euro (Stand: Nov 2016)

Die Wohnung ist genau wie bei AirBnB beschrieben.
Sie ist sehr nett ausgestattet und sehr sauber. Das Zimmer hat etwa 30qm und es steht ein kleines Doppelbett, eine Liege, ein Tisch und eine Kitchenette mit allem ausgestattet was man braucht zur Verfügung. Ein kleiner Nebenraum bietet genügend Platz für Koffer. Dort stehen noch Regale sowie Staubsauger, Bügelbrett etc.
Auch das Bad bietet genügend Abstellfläche.
Der Knaller ist natürlich die Toilette.
Bekanntlich greifen Japaner von uns erfundene Sachen auf und entwickeln sie dann zur Perfektion.
So ist es auch mit japanischen Toiletten.
Dass die Sitzfläche in Japan immer beheizbar ist, hat sich ja wohl weltweit rumgesprochen.
Dass man da allerlei Einstellungen zum Spülen ähnlich wie in einem Bidet hat, das wissen wohl die wenigsten.
Unsere Toilette hier die registriert noch mehr. Denn wenn ich mich der Toilette nähere, geht der Deckel auf. Nach getanem Geschäft spült sie alleine und schließt den Deckel natürlich.
Es ist der Wahnsinn. Und wem es langweilig während der Sitzung wird, der braucht weder Zeitung noch Smartphone, der braucht nur dieses Tableau

Condo Aksasaka, sylwiabuch.de

Es ist kurz nach 5pm und für ein kurzes Schläfchen ist es viel zu spät.
Außerdem sind wir viel zu aufgeregt und wollen sofort auf die Straße um Tokyo zu genießen.
Das Licht, den Trubel, die Gerüche!
Yoshinoya Aksasaka, sylwiabuch.de Es sind knapp zehn Minuten nach Akasaka Mitsuke.
Heute ist Freitag und bekanntlich der Tag, an dem hier am meisten los ist. Denn Akasaka ist auch eine Geschäftsgegend. Eine teure dazu. Wer hier wohnt gehört zu den Besserverdienern. Am Abend strömen die Geschäftsleute in ihrer Businesskleidung in die Bars. Trotzdem finden wir, daß hier früher - als wir hier noch gearbeitet haben - noch mehr los war.
Egal. Wir freuen uns trotzdem an dem, was wir sehen.
Wir kehren in einen Yoshinoya ein. Eine Art japanischer Schnellimbiss.
Als die Tür aufgeht kriege ich Gänsehaut.
Wir sitzen noch nicht ganz, da werden schon zwei Becher mit heißem, grünen Tee serviert.
"Namichu!", "domo arigato" , "irasshaimasee", "dozo"... all die Wörter, die wenigen, die auch wir kennen sind zu hören.
Irgendwie überkommt uns beide das Gefühl: wir sind zu Hause. Und Nichts ist uns fremd!

Unser "Namichu" steht in kürzester Zeit auf unserem Platz.
Zusammen mit eingelegtem Ingwer schaufeln wir wortlos unsere "Beefbowl" rein.
Es folgt noch ein Becher grünen Tees und zwanzig Minuten später verlassen wir gesättigt den Laden.

Aksasaka, sylwiabuch.de

Die Farben, die Deko, die Schaufensterauslagen sind extrem bunt.
Ich nehme es auf. Noch heute. Denn man gewöhnt sich so schnell daran und findet es schon nach ein paar Tagen so völlig normal.

Die zwei unteren Straßen von "Mitsuke" laufen wir noch ab, bevor wir noch "schnell" der Roppongi Crossing "Hallo" sagen. Und was uns beiden sofort auffällt, ist die relative Ruhe auf der Straße. Es herrscht nicht so ein Dauerlärm durch den Verkehr.
Ganz offensichtlich sind viele Autos Hybridfahrzeuge.

Roppongi, sylwiabuch.de

Dann geht's vorbei an unserem früheren Mietshaus, das ganz plötzlich nicht mehr "Ciro Akasaka" sondern "Cotohäus" heißt.

Im "Yoshike"-Supermarket holen wir uns noch ein paar Flaschen Wasser, Bier und einige fluffige Snacks.
Hier hat sich in den letzten drei Jahrzehnten so gar nichts geändert.
Die Auswahl ist riesig und Alles ist wie früher.

Roppongi, sylwiabuch.de

In Deutschland ist es vierzehn Uhr. Wir sind also, wenn man die wenigen Stunden Schlaf im Flieger vernachlässigt, schon seit 31 Stunden unterwegs. Da wird es Zeit den Tag zu beenden.